Berner Zeitung und Thuner Tagblatt vom 26. März 2012
Energiegeladener Brahms

Thun · Das Thuner Stadtorchester und die Geigerin Chouchane Siranossian überzeugten mit ihrer kraftvollen Interpretation von Brahms Werken.
Das dritte Sinfoniekonzert des Thuner Stadtorchesters (TSO) war ganz Johannes Brahms (1833–1897) gewidmet, der die Sommermonate in den Jahren 1886–1888 bekanntlich in Thun verbracht hatte. Brahms pflegte, das für damalige Verhältnisse grossstädtische Wien in der konzertfreien Sommerzeit zu verlassen, um an schönen Orten auf dem Land in Ruhe komponieren zu können. In den Jahren 1877–1879 zog er sich im Sommer nach Pörtschach am Wörthersee in Kärnten zurück, wo grosse Teile der beiden Werke entstanden, die das Thuner Stadtorchester am Samstagabend im zu knapp Zweidritteln besetzten Schadausaal KKThun aufführte: das Violinkonzert und die zweite Sinfonie, beide in D-Dur. Sein einziges Violinkonzert schrieb Brahms für den Geiger Joseph Joachim (1831–1907), einen engen Freund seit Jugendtagen, der ihm bei der Gestaltung des Geigenparts auch beratend zur Seite stand.
Für den äusserst anspruchsvollen Solopart, der allerdings stark mit dem Orchester verwoben ist und daher den Solisten nicht so stark ins Zentrum stellt, hatten die Thuner Chochane Siranossian gewinnen können. Die junge armenisch-französische Geigerin, welche 2007 an der Musikhochschule Zürich das Solistendiplom mit höchster Auszeichnung erlangte, wird seit einiger Zeit vom Migros-Kulturprozent als Solistin gefördert.
Ihr feuriges Temperament kam dem Stück entgegen. Siranossian spielte energiegeladen, hoch konzentriert und mit Leidenschaft. In der Höhe gelangen ihr zarte, silberne Töne, und die zahlreichen Doppelgriffe meisterte sie treffsicher und mit vollem Klang. Über die kleinen Unreinheiten, die sich zwischendurch einschlichen, konnte man da leicht hinweghören. Nicht minder kraftvoll spielte das TSO, das in den Fortepassagen ein erstaunliches Klangvolumen an den Tag legte und Siranossian aufmerksam begleitete.
Geballte Energie zum Schluss
Eine solide Leistung zeigte das Orchester unter der Leitung von Laurent Gendre auch in Brahms’ Zweiter. Die oft mit Beethovens «Pastorale», der heiteren Sechsten, verglichene D-Dur-Sinfonie, hat viele melancholische Züge, die von den Thunern gut herausgehoben wurden. Insbesondere die Holzbläser gestalteten ihre Soli meist sehnsuchtsvoll und lyrisch. Herausragend war die Leistung der Oboe, die dank unglaublich weichem Ton in der berühmten Solostelle zu Beginn des zweiten Satzes des Violinkonzertes für Gänsehaut sorgte. Gegen Ende des vierten Satzes der Sinfonie bündelten die Musiker ihre Energie, steigerten sowohl Präzision als auch Volumen und setzten einen gewaltigen Schlusspunkt, der das Publikum begeisterte.
Im Rahmen des dritten Sinfoniekonzerts konnten sich die Konzertbesucher zum ersten Mal für ein Apéro riche am Samstag vor dem Konzert oder für ein Nachtessen am Sonntag nach dem Konzert anmelden. «Mit dem Ausbau des Schadausaals zum KKThun wurde auch das Gastronomieangebot verbessert, was uns erst ermöglicht hat, ein solches Essen anzubieten», erklärt Christoph Müller. Der Präsident des TSO möchte mit diesem Angebot den Austausch zwischen Orchester und Publikum fördern, aber auch den Zusammenhalt unter den Musikern stärken. Am Apéro am Samstagabend hätten etwa 15 Zuhörer teilgenommen, und auch für das Nachtessen am Sonntag habe sich eine eher bescheidene Anzahl Gäste angemeldet. «Aber die Stimmung war gut», so Müller. «Wir werden bestimmt wieder einmal etwas Ähnliches anbieten.»
Miriam Schild

